Wenn Übergänge ungehalten bleiben

Warum so viele Menschen nicht nach Veränderung suchen, sondern nach einem sicheren Ankommen



Mit jedem Atemzug.
Immer wieder.
Un-sicher. In Dauerschleife.

Vielleicht bedeutet Heilung deshalb nicht, jemand anderes zu werden.

Sondern endlich dort anzukommen, wo wir nie wirklich sicher gehalten wurden:

in uns selbst.  


Lesezeit: 11 Minuten


Seit 2019 begleite ich Menschen durch Übergänge.


Durch Zeiten im Leben, in denen etwas endet, damit etwas Neues geboren werden kann.


Am Anfang waren es vor allem Frauen rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt, Rückbildung und die erste Zeit danach. 

Dieses heilige Dazwischen - wenn nicht nur ein Kind geboren wird, sondern auch eine Frau sich selbst auf eine neue Weise begegnet. Sich ein Mann neu findet.


Doch mit der Zeit wurde immer deutlicher: Eigentlich begleite ich nicht nur Frauen oder Familien. 


Ich begleite Menschen an Schwellen.


An stillen, oft schmerzhaften Orten, an denen das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch keinen Boden hat. 


Und diese Schwellen zeigen sich überall.


In Körperbildern.

In Diäten.

Im Frau werden.

In Essstörungen.

Im Mama werden. 

In Sportsucht.

In Trennungen.

In Krisen.

In offenen Beziehungen.

In Patchworkfamilien.

In Krankheit.

In Verlust.

In Erschöpfung.

In Burnout & Boreout.

Im Sterben.

Im Neubeginn.


In all den Schwellen, an denen ich auch gestorben bin - und mein Selbst wiedergeboren werden durfte. 

Schritt für Schritt.


Manche Menschen stehen am Anfang eines neuen Lebens. 

Andere mitten im Zerbrechen dessen, was sie einmal über sich geglaubt haben. Manche verabschieden sich von einem anderen Menschen. Andere von einer alten Version ihrer selbst.


Und unter all diesen Geschichten liegt oft dieselbe tiefe Sehnsucht:


die Sehnsucht, gehalten zu sein, während sich das Leben verändert.


Denn Übergänge sind empfindsame Räume.

Weiche Räume.

Offene Räume.


Sie machen uns durchlässig.


Und vielleicht liegt genau darin ihre Kraft, aber auch ihre Verletzlichkeit.


Denn viele Menschen haben nie erfahren, wie sich ein wirklich gehaltener Übergang anfühlt.


Wie es ist, weich empfangen zu werden, wenn etwas Neues beginnt.

Wie es ist, nicht alleine durch Veränderung gehen zu müssen.

Wie es ist, in einer Zeit des Wandels nicht funktionieren zu müssen, sondern getragen zu werden.


Der erste große Übergang unseres Lebens - unsere Geburt - war oft selbst geprägt von Stress, Angst, Überforderung oder Trennung.


Nicht, weil jemand schuld wäre.

Sondern weil auch unsere Bezugspersonen häufig nie gelernt haben, wie sich ein sicher gehaltener Übergang anfühlt.


Und ein Nervensystem, das diesen weichen Empfang nie wirklich erfahren hat, sucht ihn weiter.


Ein Leben lang.


Es sucht ihn in Beziehungen.

In Körperidealen.

In Berührung.

In Sexualität.

In Essen.

Im Wunsch nach Familie.

Im Kinderwunsch.

In Neuanfängen.

In der Sehnsucht, noch einmal neu beginnen zu dürfen.


Doch oft suchen wir gar nicht wirklich das Neue.


Nicht die neue Beziehung.

Nicht das neue Leben.

Nicht den neuen Ort.


Was wir suchen, ist das Gefühl, sicher ankommen zu dürfen.

Sicher zu Sein.


Wie ein Körper, der endlich nicht mehr kämpfen muss.

Wie ein Herz, das weich werden darf, ohne sich zu verlieren.


Und vielleicht berühren mich deshalb 

Rituale so tief.


Weil Menschen früher wussten, dass Übergänge nicht alleine getragen werden sollten.


Geburt.

Frauwerden. Manwerden.

Mutterschaft. Vaterschaft.

Abschied.

Tod.


Es gab Räume, in denen Menschen gehalten wurden, während sie sich verwandelten.


Räume, in denen nicht sofort etwas „gelöst“ werden musste.

Räume, in denen Wandel Zeit hatte.

Räume, in denen jemand da war.


Heute fehlen diese Räume oft.


Wir funktionieren durch Übergänge hindurch.

Aber wir landen nicht wirklich darin.


Eine Frau wird Mutter und soll wenige Wochen später wieder dieselbe sein - und noch mehr.

Ein Mensch verliert eine große Liebe und soll nach vorne schauen.

Jemand stirbt und die Welt läuft weiter, als wäre nichts geschehen.


Doch innerlich bleiben viele Menschen zwischen den Welten stehen.


Nicht mehr dort, wo sie waren.

Aber auch noch nicht angekommen im Neuen.


Und vielleicht ist genau das die leise Wahrheit hinter so vielen Krisen:


Das Menschen sich nicht nur nach Veränderung sehnen.

Sondern nach einem liebevollen Übergang.


Nach einem Ort, an dem etwas Altes sterben darf, ohne dass sie dabei sich selbst verlieren - betäuben.


Nach einem Raum, in dem sie nicht kämpfen müssen, um sein zu dürfen.


Dort beginnt Heilung.


Nicht erst mit einer neuen Beziehung.

Nicht mit der perfekten Entscheidung.

Nicht mit einem anderen Leben irgendwo anders.


Sondern in dem Moment, in dem ein Mensch beginnt, sich selbst weich zu empfangen.

Sicher sein.


Mit jedem Atemzug.

Immer wieder.


Bewusstsein, Schritt für Schritt - zurück zum Vertrauen im Kern. Der Essenz.


Vielleicht bedeutet Heilung deshalb nicht, jemand anderes zu werden.


Sondern endlich dort anzukommen, wo wir nie wirklich sicher wurden:


in uns selbst.

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