Die Ent-Wicklung des lebenden Selbst

Vom Einssein zur bewussten Freiheit – eine Entwicklung des Selbst im Reiz, in der Reaktion und im Nervensystem

Am Anfang des Lebens gibt es kein getrenntes Ich.


Es gibt nur Erleben.


Ein Baby ist nicht von der Mutter getrennt.

Die Mutter ist die Welt.

Es gibt kein Innen und kein Außen

kein Ich und kein Du im späteren Sinn. 

Hunger, Nähe, Wärme und Sicherheit geschehen direkt und unmittelbar. 

Leben ist Einheit - ohne Abstand, ohne Unterscheidung.


Die Entstehung des Ichs


Mit der Entwicklung verändert sich diese Einheit.


Das Kind beginnt zu unterscheiden: 

Ich bin nicht die Mutter. Ich bin nicht die Welt. Ich bin ein eigenes Wesen.


Damit entsteht ein erstes stabiles Ich-Gefühl ein inneres Zentrum, das erlebt, fühlt und reagiert.


Von nun an wird Erfahrung oft so organisiert: Etwas passiert und ich reagiere darauf.


Leben im Reiz und in der Reaktion


Im Alltag erleben wir uns häufig genau so.


Die Welt wirkt auf uns ein, etwas geschieht, und wir reagieren darauf.


Am Anfang geschieht das meist automatisch. Reiz und Reaktion folgen direkt aufeinander. 

Es fühlt sich an, als gäbe es dazwischen keinen Raum.


Der Moment dazwischen


Mit zunehmender Bewusstheit wird etwas Neues spürbar: ein kleiner Moment zwischen Reiz und Reaktion.


Dieser Moment ist leicht zu übersehen, aber entscheidend.


Denn hier zeigt sich: 

Ich bin nicht nur meine Reaktion. 

Ich nehme sie auch wahr.


Es entsteht ein innerer Raum, in dem Wahlmöglichkeiten überhaupt erst sichtbar werden.


Dieser Raum kann zunächst verunsichern.


Denn wenn ich meine Reaktion wahrnehme, wird auch klar: Ich bin auf gewisse Weise beteiligt an dem, was ich tue.


Manchmal entsteht der Impuls, wieder zurück in Unbewusstheit zu gehen. Dort ist es vertrauter, schneller, scheinbar sicherer.


Bewusstheit bedeutet auch: 

Verantwortung wird spürbar.


Die tiefere Ebene: das Nervensystem


Wenn dieser innere Raum klarer wird, zeigt sich eine tiefere Schicht: das Nervensystem.


Hier geht es nicht mehr nur um Gedanken oder Entscheidungen, sondern um körperlich gespeicherte Reaktionen.


Frühe Erfahrungen von Nähe, Sicherheit oder Stress prägen, wie wir auf die Welt reagieren.


Grundprägung:

Leben oder Überleben.

Fight. Flight. Freeze.


Diese Reaktionen sind keine bewussten Entscheidungen. Sie sind alte Schutzmuster des Körpers.


Grundlage ist das Erleben des ersten Übergangs - der Empfang der Seele/Reines Sein im Bauch der Mutter - in der Art, wie das erlebt wurde.


Die große innere Spannung


An diesem Punkt entsteht eine zentrale Erfahrung:


Ich bin nicht diese Reaktion.

Und gleichzeitig geschieht sie durch mich.


Beides ist gleichzeitig wahr.


Ein Teil in mir beobachtet.

Ein anderer Teil reagiert aus alter Prägung heraus.


Diese Spannung ist nicht ein Problem, das gelöst werden muss, sondern eine Erfahrung, die gesehen werden darf.


Der tiefste Punkt der Entwicklung


Hier verändert sich Entwicklung selbst.


Es geht nicht mehr darum, Reaktionen zu kontrollieren oder loszuwerden.


Auch nicht darum, gegen das Nervensystem zu arbeiten.


Sondern darum, es bewusst mitzuerleben.


Ich erkenne: 

Meine Reaktionen sind geprägt durch Geschichte.

Durch Erfahrungen, die früher Sicherheit 

/das Leben geformt haben.


Und genau hier entsteht eine neue Haltung:


Ich erlaube mir, mich aus diesem System heraus zu entwickeln - nicht gegen es, sondern durch es hindurch.


Bewusstheit bedeutet nicht, keine Reaktionen mehr zu haben.


Sondern sie im Moment ihres Entstehens zu erkennen.


Ich bin nicht nur Reaktion.

Ich bin nicht nur Beobachter.


Ich bin der Raum, in dem Reaktionen entstehen – und das Leben, das sich durch sie ausdrückt.


Wie drückt ich mich Selbst durch das Leben aus?

Wie fühlt sich Leben in meinem System Selbst an? 


Rückkehr zur Verbundenheit


Am Ende entsteht keine Trennung, sondern eine tiefere Verbindung.


Ich erkenne mich als Ich unter anderen Ichs.

Und zugleich als Teil eines größeren Ganzen, das sich durch alles Leben ausdrückt.


Getrenntsein und Verbundenheit erscheinen nicht mehr als Gegensätze, sondern als unterschiedliche Ebenen derselben Erfahrung.


Vom ursprünglichen Einssein mit der Mutter

über die Entstehung des Ichs

über Reiz und Reaktion

bis hin zur Tiefe des Nervensystems


entfaltet sich kein Bruch, 

sondern eine Entwicklung von Bewusstheit,

zurück zum Selbst - im Ursprung.


Am Ende steht nicht Kontrolle über das Leben,

sondern die Erkenntnis, dass Leben sich selbst durch uns erfährt -

im Raum zwischen Ein- und Ausatmung:

Der Hingabe. 

Kreation statt Reaktion 💎



Kommentar schreiben

Kommentare: 0